Tundrapflanzen reagieren stark auf Klimawandel

Ein internationales Experiment dokumentiert seit 30 Jahren weltweit, wie sich die Tundravegetation infolge des Klimawandels verändert – darunter ein vom SLF betreuter Standort im Val Bercla. Aktuelle Resultate sind in einer kürzlich erschienenen Sonderausgabe von Arctic Science zusammengefasst.

Wer an «Tundra» denkt, stellt sich baumlose Weiten in Skandinavien, Kanada oder Russland vor, die von Flechten, Moosen, Gräsern und Zwergsträuchern geprägt sind. Doch auch in den Alpen und anderen Gebirgen finden sich oberhalb der Waldgrenze ähnliche Vegetationstypen, die oft dieselben oder verwandte Pflanzenarten beherbergen wie ihr arktisches Pendant.

Höhere Pflanzen, mehr Sträucher

Ob arktisch oder alpin – die Tundravegetation verändert sich rasch und deutlich als Reaktion auf den Klimawandel. Infolge der höheren Temperaturen werden die Pflanzen meist grösser, und vor allem bei spät blühenden Arten verschiebt sich die Blütezeit nach vorne. Dadurch verkürzt sich in der Tundra gesamthaft die Blühsaison, was sich wiederum auf bestäubende Insekten auswirken könnte. Doch auch die Zusammensetzung der Pflanzenarten verändert sich. So haben sich vielerorts Zwergsträucher auf Kosten von Moosen und Flechten ausgebreitet. In der Folge verringert sich die Rückstrahlfähigkeit (Albedo) der Landoberfläche; es wird mehr Sonnenlicht absorbiert und das Gebiet erwärmt sich lokal noch stärker.

Einzigartige Datensammlung dank 30 Jahren Experiment

Diese Forschungsergebnisse wurden kürzlich in einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift Arctic Science publiziert. Sie entspringen dem Internationalen Tundra-Experiment (ITEX) – einem Vegetationsmonitoring, das Anfang der 1990er-Jahre in der alpinen und arktischen Tundra gestartet wurde. Inzwischen dokumentieren Forschungsteams an über 40 Standorten weltweit, wie sich die kälteangepassten Pflanzengemeinschaften aufgrund der zunehmend wärmeren Sommer verändern. So auch in der Schweiz, im entlegenen Val Bercla nahe Bivio (GR): WSL-Mitarbeitende aus Davos und Birmensdorf verfolgen dort seit 1994, wie die alpine Tundra auf den Klimawandel reagiert. Wie an den meisten anderen Standorten auch, führen sie ausserdem Experimente mit passiven Erwärmungskammern durch – kleinen Treibhäusern ohne Dach, in denen sich die Lufttemperatur mittels Sonnenstrahlung erhöht. Damit simulieren die Forschenden, wie sich die Vegetation bei künftig noch stärkerer Klimaerwärmung entwickeln wird.

Dank dieser weltweiten Untersuchungen ist über die Jahre eine einzigartige Datensammlung entstanden, die sowohl zeitliche wie auch räumliche Vergleiche der Tundravegetation erlaubt. Ein Teil der Resultate ist nun in der Spezialausgabe von Arctic Science zusammengefasst – als Hommage an dreissig Jahre Forschung und Überwachung von arktischen und alpinen Tundraökosystemen.

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